Väter mit behinderten Kindern und Jugendlichen

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Vom Umgang mit Krankheit, Beratung und Kontrollverlust

Ein Artikel über Väter mit behinderten Kindern

Warum ich darüber schreibe? Ganz einfach, das Thema interessiert mich einfach! Ich arbeite in einer Einrichtung für mehrfach schwerstbehinderte Kinder & Jugendliche. Aus dem beruflichen Blickwinkel erlebe ich viele Situationen die mit diesem Thema direkt oder indirekt zu tun haben. Sie glauben gar nicht wie viele lebensbejahende Menschen es in diesem Arbeitsfeld gibt. Kleine, große, kranke, gesunde, Männer, Frauen und natürlich Väter! Jeder von Ihnen trägt ein anderes Schicksal. Jeder trägt es auf eine andere Art und Weise. Was sie alle miteinander vereint ist der Genuss der freudvollen Momente. Tatsächlich hat sich dieser Arbeitsbereich für mich vom Kopf auf die Füße gestellt. Meine Blogseite handelt von erziehenden Mannsbildern. Auch hier konnte ich die Verbindung zu meinem Haupthema herstellen.

Die Arbeit und meine Erfahrung mit Glück und Leid

Leid ist da und deutlich spürbar, das ist nicht weg zu diskutieren und das nicht wahr haben wollen dieser schmerzvollen Zustände würde den Menschen mit Behinderung auch nicht gerecht werden. Jedoch zeichnen sich dadurch die lichten und schönen Momente viel deutlicher ab. Für mich steht inzwischen fest: Die Dimension der Unterschiedlichkeit unter den Menschen ist so weit und vielfältig, dass sich die ursprüngliche Definition von Krankheit und Behinderung für mich total verschoben hat. Dazu aber später mehr. Zurück zu den Vätern mit behinderten Kindern.

Vater eines behinderten Kindes – Vom Umgang mit dieser Situation

Ich erinnere mich gerade an eine Mutter die auf mich trotz der schweren Situation ein behindertes Kind pflegen zu müssen außerordentlich kraftvoll und zuversichtlich wirkte. Ich stellte mir vor, wie es mir ergehen würde? Auf die Ebene der Geschlechter gehoben: Wie reagieren wohl die meisten Männer, wenn sie erfahren, dass ihre Frau oder Freundin in behindertes Kind erwartet? Egal ob Mann oder Frau, die ersten Reaktionen sind vermutlich die Gleichen. Elisabeth Kübler-Ross beschreibt in Ihren Sterbephasen einen Prozess der auch in anderen lebensbelastenden Situationen beobachtet werden kann:

  • Nicht Wahrhaben wollen
  • Zorn
  • Verhandeln
  • Depression
  • Akzeptanz

Ab Beginn dieses Prozesses entwickeln sich verschiedene Strategien wie Männer und Frauen mit der Behinderung Ihres Kindes umgehen. Im Besonderen möchte ich versuchen die Situation von Männern zu beschreiben. Konkret: Wie gehen Väter mit Beratungsangeboten um und wie ist ihre Sicht auf Krankheit und Leid? Letztendlich interessierte mich, ob Kontrollverlust in Familie und Beruf das zu bearbeitende Thema für Männer ist? Diese und andere Gedanken schossen mir durch den Kopf. Aber, eins nach dem andern.

Männer und sich beraten lassen – Da ist mehr drin!

Gefühlt werden Männer oft deutlich weniger Beratungsstellen für die psychosoziale Begleitung aufsuchen als Frauen. Als ich versuchte mein Gefühl mit Fakten zu untermauern wurde ich schnell fündig: „Während Scheidungs- und Gewaltberatung auf großes Interesse stoßen, wurde bis zum heutigen Tag keine Leistung für Väter behinderter Kinder in Anspruch genommen.

Ich denke das bezieht sich auf ein Angebot einer bestimmten Einrichtung. Inhaltlich ist dies so dem Buch von Felix Heinrich zu entnehmen (Vgl. Behindertes Kind – gekränkter Vater (Hilfsangebote für Väter eines Kindes mit Behinderung). Auch wenn sich die Situation im Lauf der Jahre vielleicht etwas verbessert hat, tendenziell bleibt die Problematik bestehen.

Männer und Schwäche? Niemals!

Ich vermute, dass das aber nicht ausschließlich etwas mit dem Thema Väter mit behinderten Kindern zu tun hat. Hilfe im außen zu holen ist für Männer im Allgemeinen erheblich schwerer. Dies hat immer noch etwas mit alten Denkmustern zu tun. Männer und Schwäche: Niemals? Das ist unmännlich und weibisch! Nach wie vor verdrängen Männer ihre vermeintlichen Schwächen und Ängste in den Schatten. Schwächen werden nicht als Fundorte inneren Goldes identifiziert. „Das Gold im Dunklen der Seele finden“ diese wunderbare Formulierung ist Inhalt des gleichnamigen Buches von Wunibald Müller und hebt einmal mehr Schwäche, Angst und Krankheit in ein anderes Licht.

Hilfsangebote für Väter mit behinderten Kindern

FAZIT: Wie schön wäre es, wenn wir Männer uns mehr für Hilfsangebote öffnen könnten. Der Bedarf ist mit Sicherheit da, jedoch muss das Angebot anders strukturiert sein als für Frauen. Als ich für Elterntalk (Fachgespräche von Eltern für Eltern) tätig war, wollte ich Vätertalks etablieren. Die Arbeit war geprägt von Erfolglosigkeit. Da ich einen entscheidenden Punkt zwar gedanklich verinnerlicht hatte, aber viel zu wenig mit einbezog, gab es lediglich zaghafte Ansätze einer erfolgreichen Integration.

Männer sollten anders abgeholt werden wie Frauen. Das Angebot muss zum Teil niederschwelliger gestaltet werden. Gespräche nicht Face to Face, im Beratungsbüro sondern beim Kickern, Fußball spielen, spazieren usw. Väter mit behinderten Kindern könnten von solchen Beratungsleistungen mit Sicherheit profitieren. Ich selber wäre ganz neugierig wie sie Ihr Leben mit einem behinderten Kind sehen, was ihnen Angst macht, was Freude? Hier ein Verweis zu einer mir bekannten Männerberatungsstelle für Väter eines behinderten Kindes: Dekathlon

Männer und „Erziehungsangelegenheiten“ im Allgemeinen

Auch wenn sich allmählich herumspricht, dass die Sinnhaftigkeit männlicher Erziehung in jungen Jahren von großer Bedeutung ist: Die gedankliche Vorstellungswelt über die Erziehungsarbeit des gegengeschlechtlichen Partners zeigt sich immer noch recht unkooperativ. „Da soll sich mal meine Frau drum kümmern, die kennt sich da besser aus!“ oder  „Mein Mann ist da doch immer sehr unbeholfen, ich mach das lieber selbst!" Sie kennen diese beidseitigen Aussagen. Erstaunlich nur, dass, je schwieriger und unvollkommener die Situation ist, sei es nun durch Krankheit oder Behinderung, desto mehr treffen oben genannte Aussagen zu!

Männer haben vermutlich größere Angst vor Krankheit und Behinderung, Frauen binden mit Ihrer Fürsorge und Kompetenz die Kinder mehr an sich. Es geht dann linear in die eine Richtung: Frauen leiden ganz verstärkt an Überlastungssymptomen und Männer leiden an der Situation nichts für eine bessere Situation beitragen zu können. Natürlich zeigt sich das nicht immer offensichtlich, sondern die Kulissen der Aufteilung und der Befugnisse werden mehr im Hintergrund verschoben.

Bevor es erste Proteste hagelt. Es gibt viele Väter und Mütter die dieser Beschreibung ganz und gar widersprechen. Auch hier ist das Leben bunt, vielfältig und verschieden. Trotzdem, die Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Tendenz eher die zuerst genannte ist. Interessantes zu diesem Thema ist unter anderem auch in Jesper Juul´s Mann & Vater sein nachzulesen. Im Kapitel, wie überzeuge ich meine Frau, dass ich ein guter Vater bin?

Männer und die Sichtweise auf Krankheit und Behinderung

Gesundheit erfährt in den letzten Jahren eine ganz neue und geweitete Definition: Nach Antonovsky gibt es die gegensätzlichen Begriffe Krankheit und Gesundheit im ursprünglichen Verständnis nicht. Die allseits bekannte WHO Definition von Gesundheit lautet:

Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.

Wer kann das schon von sich behaupten? Wer hat ein vollkommenes Wohlbefinden, wenn es solch einen Menschen gibt, er möge sich umgehend bei mir melden. Nein, so kann es sich nicht verhalten!

Vielmehr bewegt sich der Mensch zwischen den Polen Gesundheit und Krankheit hin und her. Mal mehr in die eine und dann wieder in die andere Richtung. Es ist etwas Dynamisches, ein sich stündlich, ja minütlich verändernder Prozess im Leben eines jedes Einzelnen. Mir persönlich fällt eine Bejahung der letzteren Definition wesentlich leichter als die der zuerst genannten.

Ich denke wir Männer sind oft noch in Sichtweisen der vollkommenen Gesundheit oder der ganz schweren Krankheit verhaftet. Die Chance zu ergreifen, den Zustand des Menschen als sich veränderten ganzheitlichen Lebensprozess zu begreifen besteht täglich. Es verbessert meiner Ansicht nach die Sichtweise, macht zugänglicher und ist im Endeffekt heilsamer.

Wenn schnelles einordnen nicht mehr geht

FAZIT: Je mehr verschiedene Ausprägungen das Leben erfährt, desto schwieriger ist es die Dinge einzuordnen. Männer wollen gerne schnell einordnen, ich entdecke das immer wieder an mir selber. Im gewissen Sinne ist es für mich dann wichtig immer wieder zu kapitulieren und einzugestehen, dass ich viele Bereiche meines Lebens nicht im Griff habe. Es ist vielmehr ein Wechselspiel zwischen meinem Plan was ich im Leben vorhabe und der Antwort die mir entgegen gebracht wird.

Die Akzeptanz, dass die Antwort nicht immer positiv ausfällt, ist ein großer Teil persönlicher Bewältigungsstrategie. Ich selber bin nicht Vater eines behinderten Kindes, sondern arbeite in einer Eichrichtung für behinderte Kinder. Letztendlich kann ich zum Teil nur theoretisch nachdenken. Ich weiß nicht, inwieweit mir meine theoretisch verfassten Texte eine Hilfe sein könnten, wenn ich selber betroffen wäre. Tatsächlich klafft hier eine große Lücke.

 

Macht und Kontrollverlust – Väter mit behinderten Kindern

Mit dem Kinderwunsch verbindet sich immer mehr der Wunsch nach Sinn, Erfüllung und Glück (Stork 2005). Dieses Glück scheint brüchig zu werden, wenn Eltern ein behindertes Kind erwarten. Oft werden eigene unerfüllte Wünsche auf das Kind projiziert. Der Umstand der Behinderung scheint dann noch schwerer zu ertragen, denn die Erreichung dieser Ziele ist in noch größere Ferne gerückt. Männer betrachten die Behinderung ihres Kindes häufig als einen „Anschlag“ auf ihr „Ich“ Die männliche Identität scheint bedroht zu sein. (Vgl. Artikel: Vater eines behinderten Kindes von Prof. Dr. Kurt Kallenbach).

Die Erreichung von Sinn, Erfüllung und Glück hat beim Mann etwas mit Kontrolle zu tun. Der Mann als Macher der etwas erreichen möchte. Zielstrebig und bewusst werden Prozesse in Familie und Beruf geplant. Ein behindertes Kind durchkreuzt dieses Vorgehen aufs deutlichste. Männer müssen umdenken und sich ihre Hilflosigkeit und ihren Kontrollverlust eingestehen. Das ist schmerzhaft und schwer. Auch hier ist es für mich wieder von Bedeutung, wie wir mit dem Umgehen was ist! Es ist, wie es ist. Das ist nicht gut und nicht schlecht, es ist einfach.

Der Humor - Eine wundervolle Hilfe

FAZIT: Meine Hochachtung gilt allen Männern und Frauen die täglich aufs Neue ihr Leben mit einem behinderten Kind meistern. Aus meiner Sicht ist die Akzeptanz der Situation ein sehr schweres Stück Arbeit für beide Geschlechter. Trotzdem, ich werde nicht müde die wunderbaren Momente hervorzuheben, die man bei der Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen erleben kann.

Für uns Männer wünsche ich mir, dass Schwäche, Krankheit und Behinderung nicht nur als etwas Bedrohliches erlebt wird. Wir sollten die Situation annehmen, wie sie ist. Ich wünsche uns auch eine neugierige Haltung im Zusammenleben mit den Kindern. Was entwickelt sich? Was verändert sich? Wie gehe ich mit mir, mit den Kindern und mit meinem Ehepartner um? Letztendlich ist die humorvolle Sichtweise etwas ganz wunderbares.  Humor ist eines der ältesten Heilmittel. Für Vater und Kind gleichermaßen.

Mein kleiner Freund, der vor kurzem verstorben ist, fand es total witzig, wenn ich über den Mülleimer in seinem Zimmer gestolpert bin. Er konnte so herzlich darüber lachen, dass ich den stressigen Tag total vergaß. Ich vermisse ihn!

oliver74

Servus! Herzlich Willkommen bei den erziehenden Mannsbildern! Der Blog über Männerthemen, Erziehung und Vaterschaft. Schaut rein und seht Euch um. Freue mich über Kontakt und Austausch.

Euer Oliver

1 Antwort

  1. Dezember 11, 2017

    […] ältere Dame hatte 3 Kinder und sie gab unumwunden zu, dass ihr in der Erziehung Ihrer Kinder nicht alles geglückt ist. […]

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